Horizontale Jena – von 0 auf 100 in 3 Monaten?!

2011 hatte ich fasziniert die Teilnahme des TULF-Teams bei der Horizontale Jena verfolgt. 100 km wandern in 24 (oder weniger) Stunden, was für eine Leistung! Selbst die alternativen 35 km waren für mich zu dem Zeitpunkt eine Nummer zu groß.

2012, und ich bereite mich auf die Fjällräven Classics vor. Im Forum ist die Horizontale Jena wieder im Gespräch, und ich beschliesse, als Trainingsmotivation dieses Jahr auch mitzumachen. 35 km sollten zu schaffen sein. Doch dann lasse ich mich überreden, mich für die 100 km-Strecke anzumelden! Sind ja nur 3 Monate bis dahin, und nach 5 Wochen Antibiotika bin ich auch nicht gerade in der Form meines Lebens…

Die erste Trainingswanderung von 12 km ist anstrengend. Die Füsse schmerzen und der Muskelkater lässt sich sehen. Das kann ja noch lustig werden! Aber ich steigere mich kontinuierlich, die Strecken werden immer länger! 14 km, 20 km, 35 km, 42 km. Dann der Einbruch, Knieprobleme, eine weitere Trainingswanderung muss ich nach 12 km abbrechen, Knie und Training liegen bis zum Start auf Eis…

1. Juni, mit dem Zug gehts nach Jena. Ich bin schon müde als ich dort ankomme. Erstmal anmelden und die Chipkarte für die Zeitmessungen abholen. Dann mache ich mich auf die Suche nach Pico, Tati, Heike und Hans. Mit dem schweren Rucksack (geplant war die Nacht nach der Horizontalen auf einem Campingplatz zu übernachten) nicht lustig. Sooo schwer ist der Rucksack zwar nicht, aber angesichts dessen, was da noch kommt, will ich meine Kräfte so gut wie möglich schonen. Also erstmal umpacken, und dann den grossen Rucksack loswerden. Zum Glück geht das problemlos bei der Anmeldung. Dann ein kurzes Telefonat, und ich finde die anderen. Alles ist bereit, und es dauert auch nicht mehr lange bis zum Start. Wenn ich mir die anderen Teilnehmer so ansehe fühle ich mich zwar etwas deplatziert, aber ich lasse mir die Laune nicht verderben!

Punkt 18 Uhr fällt der Startschuss, und die Massen setzen sich in Bewegung. Schnell merke ich, das das Tempo sehr hoch ist. Pico, Tati und Heike ziehen sofort davon, keine Chance mit ihnen Schritt zu halten. Hans sieht so aus als könnte er mithalten, aber er begleitet mich auf den ersten 6 km. In netter Unterhaltung vergehen diese wie im Flug, und selbst der lange Aufstieg hoch auf die Horizontale ist so fast mühelos! Dann meldet sich das Knie und der Magen (Abendessen war vor Aufregung ausgefallen), und an geeigneter Stelle lege ich eine kurze Pause ein und gebe Hans die Chance, ohne mich schneller voran zu kommen.

Gut gestärkt geht es weiter. Und ich merke schnell, das ich im Vergleich zum restlichen Feld viel zu langsam unterwegs bin! Für mich persönlich ist das Tempo gut, aber ich werde ständig überholt. Das ist nicht gut für die Psyche, und auf den schmalen Pfaden oberhalb von Jena auch nicht lustig. Vor allem wenn sich der Überholende nicht ankündigt und sich mit Gewalt an einem vorbei quetscht. Ich versuche trotzdem den Weg zu geniessen. Hier oben gefällt es mir, ich mag solche kargen Gegenden.

Die Aussicht ist toll! Ich entdecke ein paar Orchideen und sogar Graslilien, bin aber zu faul ein Foto zu machen (naja, zu faul war ich nicht wirklich, aber ich wäre sicher wieder überholt worden…). Schnell laufe ich ganz alleine, und ich habe das Gefühl schon längst das Schlusslicht zu sein. Irgendwann überholt mich aber noch mal ein Trailrunner, und ich frage ihn ob noch jemand hinter mir sei. Sein “Ja” fühlt sich gut an, und bald tauchen vor mir sogar 2 Mitstreiter auf! Zum ersten mal kann ich jemanden überholen. Allerdings habe ich da einen Taub-Blinden mit Begleitperson überholt, der sich mühsam den schmalen, mit glitschigen Wurzeln gespickten Weg entlang kämpft. Und schon nach kurzer Zeit überholen mich die beiden wieder, als ich an einer etwas breiteren Wegstelle die Stirnlampe suche. Danach sehe ich sie nicht wieder. Entweder mussten sie abbrechen, oder sie sind mir davon gezogen… Mir macht das Knie immer mehr Sorgen. Bei jedem falschen Tritt habe ich das Gefühl mir würde jemand ein Messer ins Knie stechen. Aber der Abstieg Richtung Zöllnitz geht erstaunlich gut! Plötzlich bin ich auch nicht mehr alleine unterwegs, und wie in einer Glühwürmchen-Prozession lege ich die letzten Kilometer bis zum ersten Versorgungspunkt zurück. 4,5 Stunden habe ich für die 23 Kilometer gebraucht. Damit bin ich zufrieden!

Am Versorgungspunkt hole ich mir erstmal meinen Verpflegungsbeutel und etwas zu trinken. Dann suche ich mir ein ruhiges Plätzchen, wo ich in Ruhe esse, meine Füsse versorge (keine Blasen!), trockene Socken anziehe und überlege, wie es weiter geht. Schnell steht fest, es geht weiter! Was soll ich auch mitten in der Nacht in einem Vorort von Jena? An mein Gepäck komme ich eh erst am nächsten morgen ran, und jetzt hier irgendwo eine Unterkunft für die Nacht finden?!? Ich fülle meinen Wasservorrat auf und stelle fest das ich meine geliebte kleine Hüfttasche verloren habe, die mich schon auf meiner allerersten grossen Tour begleitet hat. Zum Glück war nichts wichtiges drin, aber traurig bin ich schon über den Verlust.

Als ich wieder los komme, ist es schon 23:15 Uhr. Die Pause war länger als geplant. Zum Glück finde ich eine 3er-Gruppe, der ich mich für die nächsten Kilometer anschliessen kann. So ganz alleine in der Nacht ist unheimlich! Ausserdem tut es gut, mal nicht überholt zu werden sondern Schritt halten zu können!

Zwischen Maua und Leutra verlaufen wir uns. Irgendwo haben wir einen Abzweig verpasst. Statt zurück (und bergauf) nach der Strecke zu suchen folgen wir der Strasse und sind bald wieder auf dem richtigen Weg. Bleibt nur zu hoffen das wir so keinen der “geheimen” Kontrollpunkte verpasst haben!

Die nächsten Kilometer ziehen sich. Immer neben der Autobahn durch das Tal. Und ich habe mich mal wieder abhängen lassen. Etwas Musik muntert mich auf, und bei Pösen, wo es endlich wieder weg von der Autobahn geht, treffe ich auf “meine” Gruppe, die hier Pause macht. Ich schliesse mich an und sammle Kräfte für den weiteren Weg. Erstaunt stelle ich fest das das Knie schon lange keine Ärger mehr macht! Dafür zieht es unangenehm im Knöchelbereich, und Arme und Beine lassen wissen das sie schon ein paar Kilometer auf dem Buckel haben. Aber ich bin überhaupt nicht müde, und das ohne Hilfsmittel wie Kaffee, Cola oder sonstigen Getränken, die Flügel verleihen sollen. Der Blick auf die Uhr verrät, das es schon in gut einer Stunde hell werden dürfte.

Ausgeruht und gestärkt geht der folgende Aufstieg wie von selbst. Ich überhole sogar ein paar Mitwanderer! Und die Erleichterung ist gross, als der erste “geheime” Kontrollpunkt auftaucht. Weiter geht es durch die Nacht. Es läuft gut, und mir macht es nichts mehr aus, alleine zu laufen. Auch die Orientierung funktioniert problemlos. Irgendwann komme ich auf eine Art Hochebene, und gaaanz langsam wird es hell. Hier pfeift ein eisiger Wind, und die ersehnte Pause fällt erstmal aus. Erst kurz vor dem Abstieg nach Ammerbach finde ich eine geschützte Bank, wo ich mich noch einmal ausruhe. Die Schmerzen im Knöchel werden schlimmer und fühlen sich nicht gut an. Ich beschliesse in Ammerbach auszusteigen. Eine Entscheidung, die ich auch später nicht bereuen würde.

Die letzten Kilometer gehe ich mit gemischten Gefühlen. Etwas enttäuscht bin ich schon, zumal ich kaum müde bin. Aber eigentlich war von Anfang an klar, das 100 km eine Nummer zu gross für mich sind. Noch. Denn schnell ist der Entschluss gefallen, es im nächsten Jahr wieder zu versuchen, und jetzt habe ich ja ein ganzes Jahr lang Zeit mich vorzubereiten!

Als ich beim Verpflegungspunkt ankomme ist es 5 Uhr. 11 Stunden für 46,5 km, inklusive Pausen. Damit bin ich zufrieden, auch wenn ich hier gefragt werde, ob nach mir überhaupt noch wer kommt. Ich bekomme den letzten halben Becher mit lauwarmem Kaffee, kann mein Brötchen gegen eine Banane tauschen und mache ausgiebig Pause. Nach mir kommen tatsächlich nur noch wenige Wanderer, und während ich den lauwarmen Kaffee geniesse wird der Verpflegungspunkt schon abgebaut (obwohl er offiziell noch gut eine Stunde offen sein sollte). Ich lasse mir den Weg zum Ziel beschreiben und beschliesse, kein Taxi und keine Strassenbahn zu nehmen. Sooo schlecht geht es mir auch nicht!

Kurz vor sechs geht es also auf die letzte Etappe. Gemütlich schlendere (humple) ich durch Ammerbach und suche mir einen Weg zur Saale. Irgendwo zwischen Bahnlinie und Pipeline begegnet mir ein Fuchs. Jetzt ist es nicht mehr schwer den Weg zu finden. Immer wieder werde ich von Radfahrern überholt, die verdächtig danach aussehen, das sie um sieben bei der 35 km-Wanderung starten wollen! Ich orientiere mich an ihnen und erreiche pünktlich zum Start die Sporthalle. Mein GPS zeigt mir 50 km an. Das ist doch auch nicht schlecht, so weit bin ich noch nie gelaufen! Und das auch noch nachts! Eine seltsame Mischung zwischen Stolz auf meine Leistung und Enttäuschung über den Abbruch überkommt mich.

Fast zeitgleich mit mir kommen übrigens die ersten Ultra-Läufer ins Ziel! Die haben allerdings 100 km hinter sich. Wahnsinn! Und sie sehen nicht mal müde aus. Tatsächlich sollte einer von ihnen nach einer ausgiebigen Pause noch die 35 km-Strecke dran hängen (und sah hinterher immer noch aus wie frisch aus dem Urlaub)!

Ich hole meinen Rucksack und lege in der Turnhalle erstmal die Beine hoch. Andere Teilnehmer, die wohl genauso wie ich abgebrochen haben, schlafen. Ich bin immer noch nicht müde und freue mich, von einem der vielen fleissigen Helfer einen Kaffe gebracht zu bekommen. Die Versorgung hier ist wirklich toll, und die Helfer kümmern sich um jeden!  Ich bin immer noch nicht müde, und so beobachte ich immer mehr Teilnehmer, die in die Halle gehumpelt kommen. Den meisten geht es deutlich schlechter als mir. Riesige Blasen, völlige Erschöpfung. Später sehe ich Teilnehmer, die es nur noch mit Hilfe in die Halle schaffen und fast getragen werden müssen. Ich nutze die Zeit um erstmal zu duschen, dann wird es langweilig. Irgendwann rufe ich Heike an und erfahre, das Pico schon im Ziel sein müsste! Ich mache mich auf die Suche, und tatsächlich macht er sich gerade fertig für ein verdientes Nickerchen. So gratuliere ich nur kurz und verschwand wieder. Als nächstes kam Tati ins Ziel, dann Hans. Froh stellte ich fest, das alle zwar müde waren, aber abgesehen davon in gutem Zustand das Ziel erreichten!

Langsam wird es Zeit für die verdiente Bratwurst, auf die ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte! Leider muss ich dann feststellen, das in diese Art Thüringer Bratwurst Kümmel gehört, und wenn ich eins nicht mag, dann ist das Kümmel…

Irgendwann versammelt sich dann die gesamte ULTF-Truppe gemütlich auf der Wiese. Heike hatte es mitlerweile auch mit einer super Zeit ins Ziel geschafft, und so konnten wir Erfahrungen austauschen und uns weiter kennen lernen. Schnell war aber auch klar, das irgendwie keiner von uns Lust hatte, noch auf den Campingplatz zu fahren. Hans musste eh schon am Abend weg, und Heike am nächsten morgen in aller Früh. Und alle wollten lieber ins eigene Bett. So folgte die für mich grösste Herausforderung des Tages: mit dem Zug nach Hause, was 5 mal umsteigen bedeutete. Und so langsam war ich wirklich müde! Vor der Reise wollte ich mich aber noch einmal stärken, und während ich so auf meinen Kartoffelbrei warte entdecke ich auf einem Tisch hinter mir zwischen allem möglichen meine verlorene Hüfttasche! Die anderen wundern bei meiner Rückkehr wie sehr mich scheinbar ein simpler Kartoffelbrei glücklich macht, und ich kläre sie erstmal auf, was  die eigentliche Ursache für mein breites Grinsen ist.

Dann heisst es Abschied nehmen und ich laufe (!) zum Bahnhof. Müde wie ich jetzt bin bemerke ich nicht das ich viel zu viel für mein Ticket zahle. Was solls… Der Zug ist pünktlich, und nach einer langen und umständlichen Fahrt bin ich gegen 22 Uhr endlich zu Hause. Eigentlich wollte ich erst nur ins Bett, aber dann verschlinge ich doch erst noch 2 Spiegeleier und liefere einen ersten Bericht ab.

Am Ende brauche ich 2 Tage bis ich den Schlafmangel ausgeglichen habe. Der Muskelkater hält sich in Grenzen (was mir zeigt das ich fit war und da noch mehr drin gewesen wäre), nur die Schmerzen im Fuß und im Knöchelbereich halten sich fast 2 Wochen (was mir zeigt das es klug war abzubrechen).

Ich habe mich kurz gefragt ob es nicht sinnvoller gewesen wäre doch “nur” die 35 km zu wandern. Die Strecke hätte ich gut schaffen können und wäre mit einer Finisher-Tasse und der begehrten Wandernadel nach Hause gefahren, statt in der Statistik als Abbrecher aufzutauchen. Aber dann wäre ich auch nicht einen neuen persönlichen Rekord gelaufen. Ich wüsste immer noch nicht wie es sich anfühlt die Nacht durch zu laufen und das mein Knieproblem am Ende nicht entscheidend war, sondern das ich ganz andere Schwachstellen habe! Diese Erfahrungen sind mir mehr wert als eine Tasse und eine Nadel!

Und so freue ich mich auf nächstes Jahr, wo ich mit besserer Vorbereitung vielleicht auch eine Chance habe, die 100 km zu schaffen!